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Die Tischtennisbewerbe der Olympischen Spiele 2012 sind vorbei. Was haben sie gebracht, welche internationalen und nationalen Lehren kann man daraus ziehen?

London 2012 waren schöne Olympische Spiele. Nicht für Österreich, aber allgemein. Bei einem Sportereignis dieser Größenordnung beginnen vielleicht auch einmal Verantwortliche nachzudenken, ob das System noch ausreicht. Österreich hat noch nie so wenig Athleten nach London gesandt, obwohl man alle mitgenommen hat, bei denen es irgendwie gegangen ist. Natürlich will ich niemandem den Spaß am Ereignis Olympia nehmen, aber so viele Touristen hat das OÖC wohl noch nie bezahlt. Wenn ich ein Rennen auf Rang 54 beende, 4:08 Minuten über meiner persönlichen Bestzeit (während andere Bestleistungen liefen) und damit auch noch zufrieden bin, dann fehlt Selbstkritik und vor allem die Motiviation, wahrlich Großes zu erreichen (als ein Beispiel von vielen Marathonläuferin Andrea Mayr). – Noch eine Anmerkung zu Mayr: Immerhin hat sie diesen Lauf überlebt, was bei ihrem Laufstil ja auch nicht so selbstverständlich ist. Er ist eine Beleidigung für jeden Leichtathletiktrainer, der jungen Menschen eine solide Lauftechnik erlernt.

Doch im Folgenden soll es nicht um das allgemeine Abschneiden und die daraus resultierenden Reformen gehen, sondern um die Entwicklungen im Tischtennisturnier. Österreich hat ein Herren-Viertelfinale im Teambewerb (mit einem Sieg gegen Ägypten und einer Demontage durch Deutschland) und ein Achtelfinale im Herren-Einzel durch Chen Weixing erreicht. Bei den Damen war Liu Jia in der dritten Runde gegen die koreanische Verteidigerin Kim Kyung-Ah chancenlos, Li Qianbing hatte gegen Kasumi Ishikawa (JAP/4) die Sensation auf dem Schläger (2:0-Satzführung). Amelie Solja gewann im Teambewerb immerhin gegen die Nummer 20 der Welt. Da der internationale Verband seine Regeln bezüglich Einbürgerungen verschärft hat, darf sie bei Welt- und Europameisterschaften aber erst ab 2018 für Österreich antreten. Olympia hat da eigene Regeln.

Die Anstrengungen, die eigenen Talente an die Weltspitze zu bringen, haben im Tischtennis schon vor zwei Jahren mit der Gründung der Werner-Schlager-Akademie begonnen. Auch der Nachwuchs ist schon weit von der internationalen Spitze entfernt, wie die Jugend-EM eben in der WSA kurz vor diesem Olympischen Turnier gezeigt hat. Dass andere Nationen extrem professionell arbeiten (Frankreich), während bei uns vielerorts Hobbytrainer (da zähle ich mich auch dazu, aber es gibt noch deutlich schlechtere, die sich nicht so intensiv mit den Entwicklungen beschäftigen) mit den Diamanten arbeiten. Hier müssen einfach die Strukturen verbessert werden (wenn man überhaupt mehr Erfolg haben will), ansonsten kann man an die Spitze nicht anschließen können. Es geht im Training um Quantität und Qualität, um Einsatzbereitschaft, Motivation, aber auch Verdienstmöglichkeiten. Mal sehen, wohin die Reise diesbezüglich geht.

Österreichs Erfolge, und ich denke im Tischtennis kann man durchaus davon reden, sind 1.) gekaufte Erfolge und 2.) von einem extrem alten Team errungen. Der 39-jährige Ex-Weltmeister und nunmehrige Hobbyspieler (am Trainingspensum gemessen) Werner Schlager hat sich gut verkauft, vor allem im Einzel, doch seine Zeit als Spieler ist vorbei. Österreich kann sich aber glücklich schätzen, einen Tüftler wie ihn als Trainer zu haben. Das Vorbild der Deutschen mit Ex-Weltklassespieler Jörg Rosskopf als Bundestrainer liegt nahe. Auch Chen Weixing hat uns mehrere Spiele lang verzaubert, ehe er von Ovtcharov ganz brutal entzaubert wurde. Doch allzu lange wird der 40-jährige auf internationalem Niveau wohl auch nicht mehr spielen. „Teambaby“ Robert Gardos (33) ist so gut wie nie und sollte noch einige gute Jahre anhängen. Er ist wohl eigentlich schon unsere Nummer eins, durfte aber wegen dieses eigenartigen Modus nicht einmal Einzel spielen. Auch Daniel Habesohn ist mittlerweile 26 Jahre alt. Gelingt ihm noch der Durchbruch? Es wird eher an der Generation dahinter liegen, zumal – wie bereit erwähnt – die gute Einbürgerungspolitik auch nicht mehr sofort helfen kann. . .

Doch ich möchte hier auch auf die spielerischen und technischen Entwicklungen eingehen. Abgesehen vom neuerlichen, nicht besonders überraschenden chinesischen Lehrspiel (schneller, präziser, härter, öfter, brutaler), sind einige andere Dinge aufgefallen. Dritter wurde mit Dimitri Ovtcharov ein Spieler, der ganz extrem an seiner früheren vermeintlichen Schwäche, der Vorhand, gearbeitet hat. Kein Europäer zieht so hart durch, alle anderen haben dadurch Probleme gegen ihn Gegentopspinduelle erfolgreich zu bestreiten. In den sensationellen Superzeitlupen hat man gesehen, dass er auf den letzten Teil der üblichen Bewegung meistens verzichtet und fast ohne Ellbogeneinsatz so schnell spielt. Eine Technik, die nicht unbedingt zum Lernen zu empfehlen ist, aber auf höherem Niveau können es einige sicher versuchen. Ovtcharov hat aber auch mit seinem extrem variablen Service überzeugt, das fast alle Spieler vor Probleme gestellt hat. Die Rückhand-Variante ist mittlerweile bekannt, doch das Vorhand-Unterstufenservice (©Didi Pichler) auf dieses Niveau zu heben, ist außergewöhnlich. Für mich überraschend, dass er praktisch noch überhaupt keinen Nachahmer gefunden hat.

Als lange Zeit einer der letzten Vertreter des Scheibenwischer-Services, das schon vom Aussterben bedroht schien, freue ich mich über diese Entwicklung. Der Aufschlag-Virtuose Schlager und seine WSA-Trainerkollegen werden diese Entwicklungen sicher auch beobachten und entsprechend einschätzen. Die Service-Annahme (sehr oft kurz gespielt, sehr selten direkter Flip) und der erste schnelle Ball mit der Rückhand sind weitere Schlüssel zum Punktgewinn auf diesem Niveau. Alle ungarischen Trainer werden sich im Grab umdrehen (oder mit Schaudern abwenden, je nachdem wie alt sie sind), aber die Serviceannahme mit der Rückhand weit in der kurzen Vorhand hat sich international durchgesetzt.

Ich hoffe, dass alle Spieler nach diesen (Olympischen) Spielen jetzt wieder Lust bekommen haben, mehr zu spielen. Ich persönlich werde mich noch mit anderen motivierten Trainern austauschen, um diverse Erkenntnisse zu vertiefen oder wieder fallen zu lassen. Eigentlich wäre es schön, wenn man sich in einer Halle treffen könnte mit ein paar heimischen Nationalspielern und von ganz oben bis ganz unten einen Plan erstellen würde, so wollen wir, dass dieser Schlag in Österreich trainiert wird. Konzept-Tischtennis – um ein modernes Schlagwort aus einer anderen Sportart zu verwenden. So wie ich Österreich einschätze, wird es eher dabei bleiben, dass jeder sein Süppchen kocht. Und wenn mal zwei, drei zusammenkommen, deren Zutaten gut zusammenpassen, dann kommt zufällig wieder einmal etwas heraus, das man Erfolg nennt…