Print Friendly, PDF & Email

Erinnerungen, Gedanken, Fragen – ein relativ zielloser Text, der nur irgendwie zur Verarbeitung der vielen unerwarteten Todesfälle in diesem Jahr dienen soll.

Es ist wahrscheinlich eine der schlimmsten Aufgaben, einen Nachruf zu verfassen. Sowohl als Journalist als auch als Sportfunktionär musste ich es in jüngster Zeit viel zu oft tun. Die Liste der Personen, von denen wir uns viel zu früh verabschieden mussten, nimmt beängstigende Ausmaße an. Und jedes Mal fällt es mir noch schwerer, das nicht fassbare in Worte zu gießen. Und das als jemand, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als die richtigen Worte zu suchen. Doch was soll man schon schreiben, wenn man sich von einem Menschen verabschieden muss, der gerade noch mitten im Leben stand.

Peter Stering, Michael Stefanetti, Ronnie „The Rocket“ Marx, unser Freund aus Deutschlandsberg, und Lorenz Schafzahl – jedes der letzten vier Jahre musste ich unsere Vereins-Weihnachtsfeier mit einem Schwarz-Weiß-Bild beginnen und meine Kollegen dazu aufrufen, sich für eine Gedenkminute zu erheben.

Doch das Jahr 2015 scheint mich diesbezüglich auf eine noch härtere Probe zu stellen. In dieser Woche war es das vierte Mal innerhalb weniger Monate, dass mich ein Todesfall schwer belastet hat. Gerhard Grafeneder, der Vater unseres Jugendspielers Jonas, Wolfgang Wratschgo, der Sektionsleiter der Gleisdorfer Badmintonspieler (zwei Wochen vor seinem Tod habe ich mich mit ihm noch über Zukunftspläne unterhalten), Leopold Zischka, unser Gründungsmitglied, und jetzt Joachim Hasenburger, der für mich beste steirische Tischtennisspieler seiner Generation.

Zwei davon, Gerhard und eben Joachim, waren erst 47 Jahre alt. Auch Ronnie war genau so alt, als er vor zwei Jahren verstorben ist. Viele meiner Freunde und Vereinskollegen sind älter, ich habe auch nicht mehr lange bis zu diesem Geburtstag. Und man denkt an die Vergänglichkeit und fragt sich: „Wer ist als nächstes dran und wann trifft es mich?“

Man(n) versucht immer so hart zu tun und die Emotionen nicht zu zeigen, doch ich schäme mich meiner Tränen nicht, die ich in diesen Tagen in der Redaktion oder zu Hause vergossen habe. Vielleicht bin ich nah am Wasser gebaut, zumal mir diese Leute ja gar nicht so nahe gestanden sind. Aber ich sehe das Leiden der Umgebung, wie eben bei Gerhard. 400 Leute beim Begräbnis und jeder davon schwer betroffen, das kann kein Zufall sein. „Die Netten holt der Herrgott immer früher – er weiß schon warum“, hat meine Mama einmal gesagt. Wenn ich dann seine beiden Kinder sehe, 17 und 18 Jahre alt, da möchte ich einfach nur irgendwie helfen. Aber wie? Ich bin ja kein Psychologe oder Priester. Ich bin einfach nur irgendein Trainer. „Ablenkung tut gut“, sagt man. Aber wie reagiert ein Jugendlicher beim Training, der gerade seinen Vater verloren hat, wenn ich ihm irgendetwas von der Schlägerhaltung oder der Beinstellung erkläre. Im Verhältnis zum großen Ganzen ist das ja alles komplett wurscht und dennoch eint uns Sportler der Drang, dieses Spiel so gut wie möglich beherrschen zu wollen.

Joachim war so ein Spieler, der das Spielerische in den Mittelpunkt gestellt hat und ganz außergewöhnliche Dinge mit Ball und Schläger anstellen konnte. Ein Talent, im besten Sinne. Spielerisch hat es immer ausgeschaut, nie war er ein harter Arbeiter, der stundenlang dafür trainieren musste. Und dennoch war er so erfolgreich, denn in entscheidenden Phasen konnte er sehr wohl genau abmischen, wie viel Genialität erlaubt ist und wann ganz einfach mal schnörkellos gespielt werden muss. Und nach dem Meistertitel wusste er auch zu feiern. Gemeinsam mit den anderen, denn zu viel Verbissenheit bringt ja nichts. Wir hatten immer viel Spaß an diesen Abenden und Nächten in Kapfenberg. In jungen Jahren hat er angeblich noch viel mehr gefeiert, so manche Anekdote von nicht so erfolgreichen Spielen am Sonntag machte da die Runde.

Was sollen das jetzt noch für steirische Meisterschaften sein, ohne Ronnie, ohne Hasi? Unser Robert Temmer hat das schon 2014 in Deutschlandsberg, dem ersten Turnier nach Ronnies Tod, bemerkt: „Es war ein schönes Turnier, aber irgendetwas hat gefehlt.“ Zu einem Turnier gehört eben weit mehr als Tische, Bälle, Schläger und Turnierraster. Die Emotionen kommen durch die Personen. Und da gibt es Personen und es gibt Persönlichkeiten. Wie Joachim. Wenigstens hat er sein viel zu kurzes Leben genossen, so weit ich das beurteilen kann.

Ich kann niemandem mit diesem Text Trost spenden oder gar Antworten finden auf das Unglaubliche, ja Unfassbare. Ich werde weiterhin versuchen, die Tage und das Leben zu genießen, so weit das eben geht. Denn mit jedem Schicksalsschlag wird man negativer und niedergeschlagener. Und dann kommt wieder der Vergleich mit dem Boxer, der einmal öfter aufstehen sollte, als er hinfällt. Oder war es das Kleinkind. So gesehen kann ich sogar als Vorbild dienen, denn so oft wie ich ist wohl kaum jemand anderer hingefallen beim Sport. 😉 Und noch schaffe ich es, immer wieder aufzustehen. Auch wenn es immer schwerer fällt. Physisch und psychisch – an Tagen wie diesen.